Die Stimmung der Saiten

Anders als bei den "standardisierten" Musikinstrumenten werden die Saiten des Dulcimers nicht auf eine absolute Tonhöhe gestimmt.

Baßsaite und mittlere Saite werden, wie schon im Abschnitt Beschreibung erwähnt, auf Grundton und Quinte gestimmt. Wie bestimme ich aber nun den Grundton?

Die Wahl des Grundtones hängt natürlich zunächst einmal von den physikalischen Eigenschaften des Instrumentes und der Saiten ab. Da der Dulcimer häufig zur Liedbegleitung verwendet wird, wird man in diesem Fall einen Grundton wählen, der auf die beteiligte Singstimme abgestimmt ist. Für meine Instrumente wähle ich den Grundton meist im Bereich zwischen den Tönen 'D' bis 'G' aus. Für die folgenden Ausführungen wollen wir einmal annehmen, dass wir unseren Dulcimer bzw. die Baßsaite auf den Ton 'D' stimmen.

Kommen wir als nächstes zur mittleren Saite. Wie bereits mehrfach erwähnt, wird diese Saite auf die Quinte zum Grundton gestimmt, oder genauer gesagt:
Die mittlere Saite wird eine Quinte (fünf Töne) höher gestimmt als die Baßsaite.
In unserem Fall (Baßsaite = 'D') wird die mittlere Saite also auf den Ton 'A' gestimmt.

Bleibt als letzte noch die Melodiesaite übrig.

Hier wird die Sache nun etwas komplizierter. Die Stimmung der Melodiesaite im Verhältnis zu Baßsaite und mittlerer Saite kann unterschiedlich sein und hängt ganz davon ab, welche Tonleiter oder welche modale Skala wir beim Musizieren verwenden möchten. Um das Prinzip der Stimmung der Melodiesaite verstehen zu können, müssen wir uns zunächst einmal die Lage der Halbtonschritte auf dem Griffbrett etwas genauer ansehen:


Die Lage der Halbtonschritte auf dem Griffbrett

Zur Verdeutlichung habe ich das Griffbrett etwas verbreitert dargestellt und am oberen Rand die Bünde nummeriert. Die Abstände der Bünde entsprechen in ihrem Wechsel zwischen Ganzton- und Halbtonschritten den weißen Tasten einer Klaviertastatur.

Wenn wir nun auf einer Saite des Dulcimers eine Skala oder Tonleiter spielen würden, und zwar mit dem ersten Ton auf der leeren (nicht gegriffenen) Saite, dem zweiten Ton auf dem ersten Bund, dem dritten Ton auf dem zweiten Bund, usw., dann würde sich diese Tonleiter so ähnlich wie eine Dur-Tonleiter anhören.

Danach würden wir eine zweite Tonleiter spielen, aber diesmal nicht mit der leeren Saite beginnen, sondern mit dem ersten Ton auf dem ersten Bund. Diesmal würde sich unsere Tonleiter so ähnlich wie eine Moll-Tonleiter anhören.

Eine Tonleiter, die wir auf dem Ton des zweiten Bundes beginnen würden, würde weder so ganz nach Dur noch so ganz nach Moll klingen.

Eine Tonleiter, die wir auf dem Ton des dritten Bundes beginnen würden, würde wie eine waschechte Dur-Tonleiter klingen.

Wir könnten nun fortfahren mit unserem Tonleiterspiel und unsere Skalen immer einen Ton bzw. einen Bund höher beginnen lassen. Bei der Tonleiter, die auf dem Ton des siebten Bundes beginnt, könnten wir feststellen, dass sie mit unserer ersten Tonleiter (die, die ihren ersten Ton auf der leeren Saite hatte) identisch ist, allerdings um eine Oktave (acht Töne) erhöht.

Aber wozu beschreibe ich das Ganze eigentlich so ausführlich? Ich will damit deutlich machen, dass man auf den Tönen der leeren Saite und der ersten sechs Bünde Tonleitern bzw. Skalen aufbauen kann, von den jede unterschiedlich klingt und ihren eigenen Charakter hat. Diese Skalen sind die Tonleitern des mittelalterlichen Tonsystems Europas und werden Kirchentonarten oder modale Skalen genannt.
Die vier gebräuchlichsten dieser Kirchentonarten für das Dulcimerspiel sind:

  • Die mixolydische Skala,
  • die äolische Skala,
  • die ionische Skala und
  • die dorische Skala.

Die äolische und die dorische Skala haben Moll-Charakter, die ionische und die mixolydische Skala haben Dur-Charakter. Tatsächlich ist die ionische Skala in ihrer Tonfolge mit einer Dur-Tonleiter identisch. Die folgende Abbildung zeigt die Lage dieser Kirchentonarten auf dem Griffbrett:


Die gebräuchlichsten Kirchentonarten und ihre Lage auf dem Griffbrett des Dulcimers

Nach diesem etwas langwierigen, aber notwendigen Exkurs über Halbtonschritte, Ganztonschritte und Kirchentonarten können wir uns nun uneingeschränkt der Stimmung der Melodiesaite zuwenden. Als erste, ganz allgemein gehaltene Regel zur Stimmung der Melodiesaite kann man sagen:

Die Melodiesaite wird so gestimmt, dass der erste Ton der Skala, in der man spielen möchte, eine Oktave (acht Töne) höher ist als der Ton der Baßsaite.

Die Baßsaite unseres Dulcimers hatten wir ja bereits auf 'D' (Grundton) und die mittlere Saite auf 'A' (Quinte) gestimmt. Wenden wir nun die oben stehende Regel zur Stimmung der Melodiesaite an. Zuerst müssen wir uns für eine Kirchentonart bzw. modale Skala entscheiden. Wir wählen die ionische Skala, die auf dem dritten Bund beginnt. Die Melodiesaite muss nun so gestimmt werden, dass der Ton, der auf dem dritten Bund liegt, eine Oktave höher ist als der Ton der Baßsaite. Das wäre in unserem Fall ein 'd'. Ein Ton, der auf dem dritten Bund gespielt wird, ist eine Quarte (vier Töne) höher als die leere Saite. Wenn wir nun vom Ton 'd' vier Töne nach unten rechnen, erhalten wir den Ton, auf den die Melodiesaite gestimmt werden muss: ein 'A'. Bei der Stimmung in der ionischen Tonart (man sagt auch "ionische Stimmung") wird die Melodiesaite also auf den gleichen Ton gestimmt wie die mittlere Saite.

Auf ähnliche Art könnten wir jetzt auch die Stimmung der Melodiesaite für die anderen Kirchentonarten ermitteln. Da dies den Rahmen dieser ohnehin schon viel zu langen Seite endgültig sprengen würde, gebe ich im folgenden nur noch eine kurze Übersicht für die Stimmung auf den Grundton 'D' für die ionische, die mixolydische, die äolische und die dorische Tonart:

Ionische Stimmung in D (wie oben erläutert):
Baßsaite (Grundton): D
mittlere Saite (Quinte): A
Melodiesaite : A
Regel: Bei der ionischen Stimmung wird die Melodiesaite auf den gleichen Ton wie die mittlere Saite gestimmt.
Kurzschreibweise (Töne in der Reihenfolge Baßsaite, mittlere Saite, Melodiesaite): D-A-A

Mixolydische Stimmung in D:
Baßsaite (Grundton): D
mittlere Saite (Quinte): A
Melodiesaite : d
Regel: Bei der mixolydischen Stimmung wird die Melodiesaite eine Oktave höher als die Baßsaite bzw. eine Quarte höher als die mittlere Saite gestimmt.
Kurzschreibweise: D-A-d

Äolische Stimmung in D:
Baßsaite (Grundton): D
mittlere Saite (Quinte): A
Melodiesaite : c
Regel: Bei der äolischen Stimmung wird die Melodiesaite eine kleine Terz (drei Töne) höher als die mittlere Saite gestimmt.
Kurzschreibweise: D-A-c

Dorische Stimmung in D:
Baßsaite (Grundton): D
mittlere Saite (Quinte): A
Melodiesaite : G
Regel: Bei der dorischen Stimmung wird die Melodiesaite einen Ganzton tiefer als die mittlere Saite gestimmt.
Kurzschreibweise: D-A-G

Ergänzend möcht ich noch bemerken, dass es natürlich auch möglich ist, den Dulcimer in den drei hier nicht erwähnten Kirchentonarten ( phrygisch, lydisch und lokrisch) zu stimmen und zu spielen.
Neben der hier beschriebenen "traditionellen" Art, den Dulcimer zu stimmen, gibt es auch noch ganz andere Möglichkeiten. So kann man z. B.
die Töne für Baßsaite und mittlere Saite vertauschen oder
Baßsaite und mittlere Saite beide auf den Grundton stimmen oder
Baßsaite und mittlere Saite beide auf die Quinte stimmen oder...oder...oder

Ganz zum Schluss dieser Seite noch ein praktischer Hinweis:
Bei der äolischen und der mixolydischen Stimmung muss die Melodiesaite relativ hoch gestimmt werden. Wenn man den Grundton zu hoch auswählt, kann es leicht passieren, dass die Melodiesaite reißt!

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